Pia
Gloor ist am 6. Mai 1963 geboren. Sie ist Verheiratet und hat drei Kinder
im Alter von 12,14 und 21 Jahren. Seit mehr als 18 Jahren kommt sie auf den
Handwerkermärit auf der Münsterplattform. „Mit grossen Unterbrüchen“,
wie sie sagt. „Ich habe eine lange Babypause gemacht.“
Es ist regnerisch und kalt auf dem Handwerkermärit vom 5. November 2005.
Eigentlich wären wir gerne in der Beiz auf der Münsterplattform gesessen,
aber es war uns beiden zu kalt, deshalb zogen wir die Wärme im Restaurant
Ratskeller an der Kreuzgasse vor.
Wir schälen uns aus den Jacken und freuen uns auf einen heissen Kaffee.
Pia Gloor schaut mich erwartungsvoll an. „Ich weiss gar nicht was mich
erwartet“, sagt sie unverblümt. „Ich werde dich auseinander
nehmen und dann alles was du mir erzählst aufs Internet setzen“,
necke ich sie. Sie lacht ihr herzliches Lachen. „Oder aber du erzählst
einfach frei von der Leber weg und wir sortieren es dann beide gemeinsam aus.“ „Ja
das ist eine gute Idee“, meint sie sichtlich erleichtert.
„Was fasziniert dich am Handwerkermärit“, stelle ich ihr die
erste Frage.
„Die Vielfalt gefällt mir sehr auch die unterschiedlichen Leute, die
auf den Märit kommen faszinieren mich. Es ist schon klar, man kann nicht
mit allen gleich gut auskommen und alle gleich mögen und trotzdem ist es
immer wieder schön, die HandwerkerInnen hier anzutreffen. Es ist gut, dass
es den Handwerkermärit gibt. Traditionelle hat ebenso Platz, wie Unkonventionelles.
Mich beeindrucken die Gewohnheiten der Marktfahrer. Der eine kommt immer zur
gleichen Zeit, steht auf dem gleichen Platz. Der andere kommt meist knapp und
hat wenig Zeit zum aufstellen und muss dann mit dem Platz vorlieb nehmen, der übrig
bleibt. Auch die Liebe, Sorgfalt und der Ideenreichtum, bzw. die Kreativität
an jedem einzelnen Stand gefällt mir. Ich glaube fest daran, dass wir
unseren Platz haben und dies geschätzt wird. Man sieht sich einmal im
Monat und ich freue mich immer wieder den einen oder die andere zu sehen.
Manchmal wünsche ich mir, dass die Vernetzung ein bisschen grösser
wäre und wir mehr Unterstützung hätten, wir gehören doch
in die Altstadt. Der Handwerkermärit ist ein qualitativ hochstehender
Markt und wir tragen viel zum Bild der Stadt bei. Am liebsten hätte
ich jedes Handwerk an unserem Märit vertreten.“
„Ist den für
dich die Durchmischung so nicht genügend?“
„
Doch, doch, es
ist schon gut wie es ist, manchmal finde ich allerdings, dass z.b. auch Bücher
ihren Platz finden können, oder Geschäfte wie a la Sirupier oder
einen Honigmacher – einfach so spezielle Sachen.“ Pia sprudelt.
Man spürt, ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Unternehmungslust etwas
zu bewegen. „Ich bin immer wieder bereit Veränderungen anzunehmen,
um nicht in alten Strukturen zu erstarren.“ „Es war für mich
auch toll, den Märit auf dem Waisenhausplatz mit Yvonne Baumann – eine
Märitkollegin – im Mai 2005 zu organisieren, wenn auch einige nicht
zufrieden waren, aber wenn man nichts wagt, so kann wohl nichts stattfinden.“ Fast
trotzig schaut sie mich an.
„Ich finde, dass es eine gute Idee war. Manchmal
braucht es Menschen wie dich, die etwas ausprobieren wollen“, wende ich
ein. Sie schaut mich aus ihren grossen Augen fragend an.
„ Gell oft ist
es besser einen Flop zu produzieren, als den Kopf in den Sand zu stecken?“ Sie
lacht. „Oft bin ich nämlich im richtigen Moment am richtigen Platz
und weiss auch was zu tun ist. Früher habe ich viel mehr mit Holz gearbeitet
und wenn mir jemand mal gesagt hätte, dass ich mit meinen Näharbeiten
auf den Märit komme, hätte ich ihn ganz einfach ausgelacht. „Du
hast mit Holz gearbeitet?“ Erstaunt sehe ich Pia an. Ich kann es mir
tatsächlich nicht vorstellen, dass sie einmal mit dem Element Holz gearbeitet
hat. Ihre zartgliedrigen Hände weisen eher auf feine Arbeiten hin.
„Nach dem Brand vor 3 Jahren hatte ich nichts mehr, vieles und alles was
für
den Märit bereit war, ist verbrannt. Wir hatten Glück, dass wir persönlich
keine Folgen davon getragen haben, ausser dem Schock. Aber das ist glaube ich
normal. Und weisst du, wenn man vieles verliert ist es zwar sehr schmerzhaft,
aber es ist auch eine Chance. Natürlich kann ich Fotoalbums und Erinnerungsstücke
nicht mehr zurück holen. Das ist klar, jedoch war es wirklich eine Chance
etwas anderes zu tun und so hatte der Brand die Entscheidung gebracht, eine
andere Richtung zu einzuschlagen.“
„Was war für dich das Schönste in dieser Zeit?“, frage
ich nach.
„
Zuerst
war es wirklich eine schlimme Zeit. Wir haben tatsächlich sehr viel schönes
und sehr viel Solidarität gespürt. Es gab viele Menschen, die uns
geholfen haben. Jedenfalls hat es die Familie zusammen geschweisst .“ Pia
ist Familienfrau und sie liebt es für ihre Familie da zu sein, nicht sich
für Familie aufzugeben, nein, das meint sie nicht damit, dafür ist
Pia zu selbstständig und geht zielgerichtet ihren Weg.
„Was sind deine Qualitäten?“, will ich wissen. „Wieder
schaut sie mich mit ihren grossen Augen an. Sie überlegt lange. „Es
ist schon komisch, wenn du mich nach meinen Begabungen fragst.“ „Ich
bin tolerant. Ich will das was ich begonnen habe zu Ende führen. Ich bin
zuverlässig und habe viele Ideen, die ich immer wieder umsetzen kann.“ „Das
sind doch auch Qualitäten, die dir im Vorstand vom Handwerkermärit
nützlich sind.“ „Das denke ich auch. Mir gefällt es im
Vorstand mitzuarbeiten, denn ich finde es wirklich gut, etwas bewegen zu können.
Natürlich ist es manchmal nicht ganz so einfach etwas zu verändern
und manchmal muss man nicht verändern nur damit man verändert hat“,
sagt sie lachend. „Manchmal bin ich nämlich ganz froh, wenn etwas
beständig bleibt und ich nicht immer wieder neues beginnen muss. Klar,
wenn die Zeit für Erneuerungen da ist, dann bin ich die Erste, die dabei
sein will.
„
Gerne möchte ich übrigens ein Kinderbuch schreiben“, sagt
sie unvermittelt. „Ich habe viele Ideen, die ich noch gerne verwirklichen
möchte.“ „Schreiben ist tatsächlich spannend“,
erwidere ich abschliessend. Unsere Zeit ist abgelaufen. Es gäbe noch so
viel zu schreiben über Pia, die Stier-, Familien- und Handwerksfrau. Eine
Frau, die weiss was sie will und mit beiden Füssen auf dem Boden steht.
Der Kaffee ist schon längst ausgetrunken. Pia bezahlt die Rechnung und wir schlendern an diesem Novembermorgen gemütlich zur Plattform zurück. Pia verzieht sich hinter ihren Stand und ich hänge noch einen Moment unserem Gespräch nach. Herzlichen Dank Pia für deine Zeit und dein Gespräch.
eigene Homepage www.piagloor.ch